Perfektionismus #1: Was ist ein Perfektionist?

In diesem Artikel geht es um eine neue Definition des Begriffs „Perfektionist“. Die Definition, die ich im Kopf habe ist vermutlich eine andere, als bei den meisten von euch. Diese neue Sichtweise hilft euch auch vielleicht bei eurer Prokrastination weiter. Die beiden Phänomene hängen nämlich zusammen.

Man sollte ja meinen ein Perfektionist habe keinerlei Probleme mit dem Erledigen von Aufgaben, richtig? Aufschieben gibt es bei ihm nicht. Doch das ist so nicht richtig.

Meine alte Vorstellung von Perfektionisten

Menschen, die alles perfekt machen  – sowohl bei der Herangehensweise an eine Aufgabe, als auch bei der Durchführung dieser. Bei ihnen stellt sich nicht die Frage, ob sie etwas mit 70% oder 99% erledigen, sondern ob es 120% oder 150% sein werden. Sie sind sehr detailorientiert und manchmal Kontrollfreaks.

Das dachte ich zumindest. Wie sieht euer Sinnbild eines Perfektionisten aus? Ähnelt es meiner alten Vorstellung?

So sind Perfektionisten wirklich

Ein Perfektionist hat in Wirklichkeit eine konstante Angst nicht perfekt zu sein. Sie denken oft: „Ich bin nicht perfekt genug. Ich bin es einfach nicht wert. Ich bin nicht liebenswert genug“ … und das obwohl sie von Familie und Freunden in Wirklichkeit so für ihre Intelligenz, ihr Potential und Talent gelobt werden. Sie werden nicht nur dafür gelobt, sie sind auch wirklich intelligent, haben Potential und Talent.

Perfektionisten wollen es also vermeiden in Situationen zu kommen, die offenbaren, dass sie vermeintlich nicht perfekt sind. „Wenn ich alles perfekt mache, muss ich nicht zeigen wie unperfekt ich doch in Wirklichkeit bin.“ Zu offenbaren, das sie nicht so perfekt sind, wie es andere von ihnen behaupten würde zu Schamgefühlen und dem Gefühl der Zurückweisung führen. Da sie – wie jeder andere Mensch auch – diese Gefühle vermeiden wollen, machen sie nur die Dinge in ihrem Leben, von denen sie wissen, dass sie sie perfekt erledigen können.

Das führt letztendlich dazu, dass sie ihr ganzes Leben lang nie ihr volles Potential ausschöpfen werden. Sam Laura Brown hat in einem ihrer Kurse ein makaberes, aber sehr augenöffnendes Beispiel gebracht: Stellt euch vor ihr würdet sterben und auf eurem Grabstein würde so etwas stehen trauriges stehen wie „Sie hatte Potential…und hat nichts daraus gemacht.“ Wollt ihr das?

4 Zeichen, dass ihr ein Perfektionist seid

Türkiser Schriftzug alles oder nichts mindset

Entweder macht ihr etwas perfekt oder ihr macht es gar nicht. Es gibt kein Dazwischen. Solltet ihr einmal vom geplanten Weg eines Vorhabens abkommen, dann stellt sich sofort das Gefühl des Versagens und ein Schamgefühl ein, dass ihr einen kleinen Strauchler hattet und deswegen nicht perfekt seid.

Ein gutes Beispiel hier ist das Vorhaben sich zu 100% gesund zu ernähren. Ihr habt einen Plan ausgearbeitet und am Anfang – die ersten ein, zwei Wochen; vielleicht länger – klappt es super. Doch dann gibt es auf einmal einen Tag, an dem ihr euch mit Süßigkeiten vollstopft und völlig von eurem Plan abweicht. Sofort stellt sich das Gefühl ein, dass ihr hinterher seid…euer Ziel niemals erreichen werdet…alle Arbeit zuvor umsonst war…ihr so unperfekt seid… und ihr brecht euer Vorhaben komplett ab. Anstatt dass ihr aus der Fressattacke lernt und am nächsten Tag wie geplant weiter macht.

Türkiser Schriftzug overthinking

Bei einer Entscheidung denkt ihr, dass es nur eine richtige oder falsche Entscheidung gibt. (Auch hier:) Es gibt kein Dazwischen. Ihr habt immense Angst davor die falsche Entscheidung zu treffen und ihr wisst, dass ihr euch schämen würdet, falls ihr falsch liegt. Deswegen verbringt ihr lieber Zeit damit unentschieden (und vielleicht auch etwas verwirrt) zu sein,. Dadurch vermeidet ihr es überhaupt eine Entscheidung treffen zu müssen und somit kann es schon mal nicht die falsch sein. Begleitet wird dieses bewusste unentschlossen sein damit, Dinge anzweifeln, alles zu Tode zu denken und hin und her gerissen zu sein. 

Ein Beispiel aus meinem Erfahrungsschatz: Es muss sich gar nicht ums die große Entscheidungen drehen, denn overthinking kann einem auch bei den simpelsten Alltags-Entscheidungen begegnen. Ich strebe danach klug und sozusagen perfekt mit meinem Geld umzugehen und es nicht unnötig zum Fenster rauszuwerfen. Wenn ich also nun beim Lebensmitteleinkauf bin, stehe ich oft lange vor einem Produkt und kann einfach keine Entscheidung treffen, ob ich nun das Marken oder No-Name Produkt kaufen soll. Ich wäge unnötig lange verschiedene Faktoren ab. Stelle das Produkt wieder ins Regal, wähle den Status der Unentschlossenheit und laufe nochmal eine Runde im Supermarkt. Bloß nicht das falsche Salz kaufen. Kennt ihr solche Situationen auch? (Ich schäme mich tatsächlich etwas für diese peinliche Offenbarung. Hahah – wie das eben ein Perfektionist so tut)

Türkiser Schriftzug People pleasing

Eine ganz adäquate Übersetzung habe ich nicht gefunden. Krankhaft Menschen gefallen wollen und ihnen nach dem Mund reden? Ihr möchtet Menschen ungern weh tun, sie fallen lassen oder nein zu ihnen sagen. Ihr könntet ja als der unperfekte Freund beziehungsweiße Freundin rüberkommen. Ihr versucht es allen Recht zu machen, damit ihr nicht von ihnen abgewiesen oder ausgeschlossen werdet.

Ein weiteres persönliches Beispiel: Mir wurde schon oft gesagt, dass ich eine gute Freundin bin und die Freundschaft mit mir etwas Schönes ist – falls das einer meiner ex-befreundeten Menschen liest: es lag sicher an euch ;). Und genau auf diesem Lob und eigenen schönen Freundschafts-Erfahrungen aufbauend, kann ich mir schlecht eingestehen, wenn manche Freundschaften ihren Endpunkt erreicht haben. Weil ich nicht die umperfekte Freundin sein wollte, habe ich es mich lange nicht getraut den Mund aufzumachen und erstmal weiterhin so getan, als wäre alles in Ordnung. Ich wollte weiterhin gefallen und die perfekte Freundin sein (natürlich gibt es immer zwei Menschen, die hier involviert sind und meistens tragen beide ihren Teil dazu bei. Heute geht es aber nur um meinem Anteil).

Türkiser Schriftzug prokrastinieren

Wie in diesem Blogbeitrag bereits angeschnitten, hat das Aufschieben von Aufgaben zumeist nichts mit eurer fehlenden Motivation für diese zu tun. Es geht vielmehr um eine Art Fluchtmechanismus aus Situationen, die eine gewisse Art von Stress verursachen. Bei Perfektionisten besteht dieser Stress aus dem verzweifelten Versuch den Schmerz des „Nicht-Perfekt-Seins“ zu vermeiden. Warum prokrastinieren Perfektionisten noch?

Sie fürchten, dass die Energie, die sie in eine Aufgabe stecken, sich nicht auszahlt und sie die Aufgabe am Ende gar nicht oder nicht perfekt erfüllen können. Also nutzen sie das Prokrastinieren dazu eine weniger schmerzhafte Situation zu kreieren. Sie suchen sich Ersatzhandlungen und lenken sich so von der eigentlichen Aufgabe ab. Für den wahrscheinlichen Fall, dass sie nun ihre eigentliche Aufgabe gar nicht erfüllen, können sie es auf das Prokrastinieren schieben.

Ein allgemeines Beispiel: Ihr habt vor einen Blogpost zu schreiben und alles was ihr hierfür tun müsst ist mit dem Schreiben anzufangen. An sich habt ihr alle Hintergrundinfos zusammen und diese warten nur darauf in Form gegossen zu werden. Doch ihr wisst nicht wo ihr anfangen sollt, es dauert ewig bis ihr den ersten Satz aufgeschrieben habt, ihr habt Angst zu scheitern … Deswegen denkt ihr: „Vielleicht hilft es, wenn ich mich auf Pinterest noch etwas inspirieren lasse und zusätzliche Infos recherchiere„. Und schon sind zwei Stunden vergangen und es bleibt keine Zeit mehr für den eigentlichen Schreibprozess. Jetzt könnt ihr das Prokrastinieren immerhin als Grund anbringen warum ihr „gescheitert“ seid.

Wenn ihr den Beitrag aufmerksam gelesen habt, sollte euch bereits ein Muster aufgefallen sein. Es ist die Vermeidung von Situationen, die zu einer Art Schmerz, zu einem Schamgefühl und dem Gefühl der Zurückweisung führen. Perfektionisten wollen den Schmerz der bei der Offenbarung ihres „Nicht-Perfekt-Seins“ aufkommt vermeiden.

Wir Menschen sind von Natur aus darauf gepolt Schmerz (physisch und psychisch) zu vermeiden und uns eine angenehme, sichere Komfortzone zu bauen. Deswegen tendieren wir in einem ersten Impuls grundsätzlich dazu den leichten, angenehmen Weg zu gehen. Damit wir im Leben aber weiterkommen und unsere Ziele erreichen müssen wir aus diesem „Hauptsache bequem, sicher und einfach“-Mindset rauskommen und in ein „Scheitern und nicht perfekt sein ist Teil des Wachstumsprozesses und ist nichts wofür man sich schämen muss“-Mindset wechseln.

Hier spielt die Theorie „Growth vs. fixed mindset“ von Dr. Carol Dweck eine große Rolle, welche ich in einem separaten Blogpost einmal aufgreifen werde. Schon mal davon gehört? Sehr spannend! Also bleibt dran!

Und beantwortet mir noch diese eine Frage hier oder auf Instagram: In wie vielen der Punkten habt ihr euch wiedergefunden?

signatur xoxo Franziska

 

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